Kein Tagebucheintrag

Patriotismus ist ja nicht so meins (Re-Upload)

Ich sitze in meinem Büro und starre direkt auf eine überdimensionale Deutschlandfahne. Gestern hing die da noch nicht.
Sie weht gemächlich im Wind, verheddert sich hier und da in sich selbst, weil dieses Ungetüm einfach so übertrieben groß ist, das ich mir daraus zwei Kleider nähen könnte.
Ich würde den Stoff aber umfärben.

Kunden rufen an, fragen Fragen und irgendwann höre nur noch „Frau K? Sind Sie noch da?“ – „Sicher! Ich starre nur auf ein Ungetüm in Schwarz-Rot-Gold. Entschuldigen Sie meine Abgelenktheit.“ – „Ich verstehe… “ Frau Al B. lacht, ihr afghanischer Akzent und die rauchige Stimme strahlen nur so vor Freundlichkeit und Lebensfreude,“…mein Mann hat auch gerade seine Fahne in den Garten gehängt in zehn Meter Höhe. Seitdem wir vor fünfzehn Jahren nach Deutschland kamen hängt die Fahne zu jedem deutschen Fußballspiel im Garten.“ Ein Afgahne ist mehr Patriot als ich. Ich denke an meine Piratenflagge im Garten meiner Mutter in der ehemaligen DDR.
Die Kundin weist mich darauf hin, das die Fußballweltmeisterschaft angefangen hat. Mir entglitt ein „Ohjee..“, gedacht habe ich aber was ganz anderes.
Ich schließe das Gespräch ab, nippe an meinem Energy und starre meinen Feind an. Mein Chef kommt aus dem hinteren Büro, guckt mich an und will wissen wieso ich hier herumsitze und aus dem Fenster starre. Ich nicke zu der Fahne. Er, ein absoluter Durchschnittskatholik und CDU-Wähler, lacht. Ich guck ihn an und schüttele verständnislos meinen Kopf. „Das machen die nur zur WM.“ grinst er. „Pff… Ich geh erstmal eine rauchen…“ Ich beginne einen inneren Monolog. Was? Wieso? Weshalb? Auf dem Hof zünde ich mir eine pervers riechende, ekelhaft schmeckende Kippe an, öffne mein Zombie-Spiel auf dem Mobiltelefon und schalte meinen Kopf ab.

Ich komme vom Rauchen wieder, denke daran das ich noch das und das herstellen muss, um die und die Quest zu beenden, da kommt vom Chef: „Ich hatte letztens ein Gespräch mit einem Eigentümer. Wir haben darüber philosophiert, warum auf Demos der AFD, nur die AFD Fahnen hat und die Gegendemonstranten nicht? Die Nicht-AFDler wollen ja ein friedvolles und tollerantes Deutschland, warum keine Deutschlandfahne mit einer Friedenstaube drauf oder so. Wir sind aber leider zu keinem abschließendem Ergebnis gekommen.“
„Das ist doch einfach! Bei Demo’s der AFD sind in der Regel nur Radikale und Mitläufer anwesend, auf beiden Seiten. Das heißt, die Radikalen AFD’ler zeigen wie stolz sie auf Ihr Land sind…. außer auf Frau Merkel, weil sie ja an absolut allem schuld ist *ironie aus*…. indem Sie die Flagge zeigen. Die Gegendemonstranten sind in der Regal auch Radikale… Autonome, Linke oder sogar OI’s. Die sind so gar nicht stolze Deutsche und würden nie mit einer deutschen Flagge herumlaufen. Sie würden sie eher verbrennen.“
Ich denke zurück an meine alte Punk-Zeit. Zurück an die Leute, die ich kennenlernte, es waren so einige dabei die keinen Hehl aus ihrem Hass gegenüber dem System machten und auf offener Straße bei Demo’s Flaggen verbannten.

Wir diskutierten noch eine Weile, stellten fest, das es sowieso ein absoluter Zufall ist, das wir in Deutschland geboren sind. Er fühlt sich als Europäer aber nicht als Deutscher. Bei mir ist es ähnlich. Dieses ganze gelaber, welches Land cooler ist, in das man zufällig geboren ist nervt tierisch (das gleiche mit Religionen…). Wäre mein Urgroßvater nicht nach Deutschland gekommen, würde ich in Irland herumwuseln und wäre wahrscheinlich den ganzen Tag betrunken. Der Chef würde in Polen vielleicht Auto’s klauen.

Wir starren beide die Fahne an. Ein Auto fährt die Straße entlang, mit Fähnchen und diesen Stoffüberzügen an den Spiegeln. Wir schütteln beide den Kopf. „Bald ist es vorbei.“ sagt er, „dann traut es sich wieder keiner, weil er dann gleich als Nazi beschimpft wird.“
„Wenn Fußball ist, ist es aber okay…“ sage ich trocken und verstehe die Leute nicht. Sie können ja gerne Patrioten sein. Aber saisonale Patrioten nerven mich tierisch.

Ich gehe wieder in den Hof und wühle im Werkzeugschrank.

„Was suchst du da?“ schaut der Chef um die Ecke.
„Ich suche eine Leiter….“


 

Später bekam ich eine E-Mail von meiner Kundin Frau Al B.: „Hallo Frau K. Vielen Dank nochmal für Ihre Hilfe. Ich soll Sie lieb von meinem Mann grüßen. Sie müssen wissen, das mein Mann seitdem wir da sind, anfangs jeden Tag die Fahne im Garten hängen hatte. Er ist stolz darauf hier leben zu dürfen. Er liebt die Menschen, die Toleranz der meisten, das Lebensgefühl, die Sicherheit und das er gute Arbeit hat. Deshalb wollte er zeigen wie Stolz er auf dieses Land ist. Ein Nachbar kam eines Tages und sagte ihm das man in Deutschland nicht dauerhaft eine Fahne hängen hat. Das macht man nur bei Fußball. Mein Mann wollte wissen wieso. Der Nachbar sagte, es liegt an der Geschichte. Mein Mann meinte dann nur zu ihm: ‚Kommt endlich darüber hinweg‘. Trotzdem nahm er den Rat an und hat nur noch bei Fußballspielen ist die Fahne draußen. Liebe Grüße, Frau Al B.“ Danke Frau Al B.

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